Das 27-fach differenzierte Arbeitsblatt
Wenn wir als Lehrkräfte davon träumen, wo uns KI eines Tages helfen kann, dann sind Differenzierung und das individuelle Feedback ganz große Themen.
Am Ende jeder Korrektur weiß ich ziemlich genau, wer woran hängt (meistens sogar schon vorher). Das exakte Wissen hält ungefähr bis zur nächsten Stunde, dann teile ich meistens für alle dasselbe Übungsblatt aus, weil ich keine 27 verschiedenen vorbereiten kann. Dass die Klasse 27 verschiedene bräuchte, weiß jeder, der schon mal unterrichtet hat. Es scheitert an der Zeit. Bis jetzt.
Ansatz
Kurz gefasst: Eine digitale Korrektur mit vorher festgelegten Fehlern ermöglicht ein individuelles KI-gestütztes Feedback. Dafür braucht es drei Bausteine.
Und es setzt voraus, dass der ganze Kram vorher anständig digitalisiert ist. Ohne das geht gar nichts.
1. Die KI sieht keine Namen
Der erste Baustein entscheidet, ob das Ganze überhaupt erlaubt ist: Keine KI der Welt darf jemals den Namen eines Schülers oder einer Schülerin sehen. Bei mir steht auf der Arbeit statt des Namens der Code, mit dem sich das Kind auch an der Selbstlernplattform anmeldet. Wer hinter welchem Kürzel steckt, steht in meinem Klassenbuch und bleibt auf meinem Rechner. Wie das im Einzelnen läuft und welche zwei Wege es dafür gibt, steht im Beitrag über die digitale Korrektur.
2. Fehlercodes
Der zweite Baustein ist der eigentliche Hebel. Ein Modell, das eine Klausurseite bewertet, liefert normalerweise Punkte und einen Begründungstext. Damit kann ich nichts anfangen. Aus "hat das Minus nicht gedreht" wird keine Übung, solange es Fließtext ist.
Also gebe ich dem Modell die möglichen Fehler vorher als Liste, und es muss jeder Teilaufgabe mit Abzug genau einen davon zuordnen. Bei der Lernerfolgskontrolle zu Termen in Klasse 8 waren das sechs: Vorzeichen, Distributivgesetz, Zusammenfassen, Sachbezug, Flüchtigkeit, Begründung. Aus dem Begründungstext wird ein Buchstabe, und mit Buchstaben kann man rechnen: zählen, gruppieren, in Übungen übersetzen.
3. Von der Klassifikation zur Übung
Jetzt liegt für jedes Kind eine Tabelle vor: Teilaufgabe, erreichte von möglichen Punkten, Fehlercode. Daraus wird der Übungsbedarf.
Wohin die Übung zeigt, sagt der Fehlercode und nicht die Aufgabe, in der er steckte. Wer sauber ausmultipliziert und danach das Minus vor der Klammer nicht dreht, hat kein Problem mit dem Ausmultiplizieren. Ein Fehlercode darf auch auf gar keine Übung zeigen, und genau so ist es beim häufigsten der ganzen Arbeit: Flüchtigkeit, 43 Treffer. Richtiger Weg, falsch gerechnet - das ist keine Lücke im Verständnis.
Zwei Ausgänge
Aus dem Bedarf entstehen zwei Dinge. Das eine läuft digital: Im Lernkonto auf der Selbstlernplattform findet jedes Kind eine eigene Lektion mit Bezug zum Test, mit seinen Stationen und einem Satz dazu, woher sie kommen.
Das andere ist Papier. Jedes Kind bekommt ein Übungsblatt mit genau den Aufgaben, die zu seinen Fehlern passen, zugeschnitten auf eine Auswertungsphase im Unterricht. Oben rechts sitzt ein QR-Code, und jeder der 27 führt woandershin: zu den Lösungen genau dieses Blattes, mit Rechenweg Schritt für Schritt. Die Schüler kontrollieren sich selbst, ich sitze derweil bei denen, wo es hakt.
Wie weit die Blätter auseinandergehen, sieht man erst nebeneinander.
Was die Klasse insgesamt schlecht konnte, geht außerdem an mein Planungstool und ist damit die Grundlage für die nächsten täglichen Übungen.
Was der Mensch entscheidet
Alle pädagogischen Entscheidungen bleiben bei mir: Was kommt in die Arbeit? Welche Fehler erwarte ich? Wie bewerte ich am Ende? Welche Übungen leite ich daraus ab?
Das Modell liest Handschrift, vergibt Punkte gegen die Musterlösung und ordnet einen Fehlercode zu. Damit ist sein Job erledigt. Die 27 Arbeitsblätter schreibt danach keine KI mehr: Die Aufgaben kommen aus Vorlagen, in denen die Zahlen jedes Mal neu gewürfelt werden, und welche Vorlage wie oft auf welchem Blatt landet, ergibt sich nach festen Regeln aus Fehlercode und Punktzahl. Das ist die verlässlichste Stelle der ganzen Kette, weil sich da nichts ausdenken lässt.
Ausblick
Das wirkt alles noch ein bisschen utopisch, und der Aufwand ist gerade auch noch hoch. Aber es funktioniert.
Als Nächstes will ich den Ablauf schlanker kriegen und die Vorbereitung dazu. Und irgendwann soll das Ganze auf lokalen Modellen in der einzelnen Schule laufen. Vor allem aber will ich den Hebel direkt bei den Schülerinnen und Schülern ansetzen: Die Daten liegen individuell vor, also sollen sie sich auch in individuelle Leistungssteigerung übersetzen. Ein gezielt eingesetztes 1:1-Tutoring per KI wird dabei eine Rolle spielen.
Und dann ist da noch die Rolle der Lehrkraft in so einem Szenario. Überflüssig? Keinesfalls. Umdenken. Die Kerntätigkeiten verschieben sich: vom Ersteller verschiedener Arbeitsmaterialien zum Entscheider, was wichtig ist. Vom Erklärer des Sachinhalts zum Beobachter jedes Einzelnen. Wir können uns aufs Motivieren und Beraten konzentrieren.
Alles Theorien und Prognosen. Niemand kann wirklich vorhersagen, wohin das alles führen wird. Aber wir werden es wohl alle erleben. Ich mache mal nen Anfang und halte euch auf dem Laufenden.
Quellen
- Bloom, B. S. (1984): The 2 Sigma Problem. The Search for Methods of Group Instruction as Effective as One-to-One Tutoring. Educational Researcher 13(6), 4-16 - der Befund hinter dem Wunsch nach 1:1-Tutoring.
- Liu, T. / Chatain, J. / Kobel-Keller, L. / Kortemeyer, G. / Willwacher, T. / Sachan, M. (2024): AI-assisted Automated Short Answer Grading of Handwritten University Level Mathematics Exams. arXiv 2408.11728 - ETH Zürich, zweistufig: erst transkribieren, dann gegen die Rubrik bewerten.
- Wie die Korrektur selbst zu verlässlichen Punkten und Fehlercodes kommt: Digitale Klausurkorrektur - Die letzten 30 Prozent.
Geschrieben von Johannes Hohls.