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Schulpraxis · 10 Min.

So könnte ein KI-Konzept an deiner Schule aussehen

Die meisten Schulen stehen bei der KI-Frage zwischen zwei schlechten Optionen: alles verbieten, was niemand kontrollieren kann, oder schweigen und hoffen, dass es sich von selbst regelt. Beides funktioniert nicht. Was funktioniert, ist eine klare, knappe Linie - die Schülern sagt, was erlaubt ist, und Lehrkräften, wie sie ihre Aufgaben darauf einstellen. Hier ist ein vollständiger Vorschlag, den du an deine Schule anpassen kannst. Und, wichtiger als der Text selbst: die Begründung hinter jeder Entscheidung.

Warum überhaupt ein Konzept

Ein Verbot scheitert an der Realität. Es gibt keine zuverlässige Technik, die KI-geschriebene Texte erkennt - die gängigen Detektoren liefern Fehlalarme bei unauffälligen Schülern und lassen geschickte Nutzung durch. Ein Konzept, das auf Erkennungssoftware baut, baut auf Sand.

Schweigen ist die andere Sackgasse. Wenn die Schule keine Linie vorgibt, erfindet jede Lehrkraft ihre eigene, und die Schüler bekommen für dieselbe Handlung in Deutsch eine andere Antwort als in Physik. Das ist nicht nur unfair, es untergräbt auch die Glaubwürdigkeit jeder einzelnen Regel.

Die Aufgabe eines Konzepts ist deshalb nicht, KI zu stoppen. Sie ist, den Lernwert zu schützen - und das gelingt nur, wenn Regeln und Aufgabengestaltung zusammen gedacht werden.

KI ist Lernhilfe, nicht Lösungsmaschine. Schüler lernen durch eigenes Tun, nicht dadurch, dass eine KI die Aufgabe für sie erledigt.

Dieser eine Satz trägt das ganze Konzept. Alles Weitere ist nur die Übersetzung dieses Satzes in konkrete Regeln und konkrete Aufgaben.

Teil 1: Drei Stufen für Schüler

Schüler brauchen keine zehnseitige Ordnung, sondern drei Schubladen. Die Logik dahinter ist simpel: Es kommt nicht auf das Werkzeug an, sondern darauf, wer die Denkarbeit macht.

Erlaubt - ohne Kennzeichnung

Alles, was den Schüler beim eigenen Denken unterstützt, ohne ihm das Denken abzunehmen:

Das entspricht dem, was ein guter Nachhilfelehrer tut. Niemand würde verlangen, dass ein Schüler ein Nachhilfegespräch in der Fußnote angibt. Deshalb braucht diese Stufe keine Kennzeichnung.

Erlaubt - nur mit Kennzeichnung

Sobald fertige Bausteine der KI in eine Abgabe wandern, wird es kennzeichnungspflichtig:

Kennzeichnung heißt: eine kurze Angabe, welches Werkzeug wofür genutzt wurde, am Ende des Dokuments oder als Fußnote. Der Name der Anwendung genügt, sinnvoll sind zusätzlich Datum und Prompt. Das ist keine Schikane, sondern dieselbe Ehrlichkeit, die wir bei jeder anderen Quelle auch verlangen.

Nicht erlaubt

Die Grenze verläuft nicht zwischen "KI benutzt" und "keine KI benutzt", sondern zwischen "selbst gedacht" und "Denken abgegeben". Genau das macht die drei Stufen erklärbar - und damit durchsetzbar.

Teil 2: Die Hälfte, die meistens fehlt

Regeln für Schüler allein sind wirkungslos, wenn die Aufgaben unverändert bleiben. Eine Aufgabe, die eine KI in zehn Sekunden vollständig löst, lässt sich nicht durch ein Verbot retten. Sie muss anders gestellt werden.

Der Hebel heißt: Prozess statt Produkt.

Das ist die unbequeme Wahrheit für uns Lehrkräfte: KI zwingt uns nicht, mehr zu kontrollieren, sondern besser zu fragen. Eine Aufgabe, die KI nicht abnehmen kann, ist fast immer auch die didaktisch wertvollere.

Der rechtliche Boden - und seine Grenze

Schulrecht ist Ländersache, deshalb gibt es keine bundeseinheitliche KI-Ordnung, die man einfach übernehmen könnte. Es gibt aber zwei verlässliche Pfeiler.

Erstens die Kennzeichnungspflicht. In Mecklenburg-Vorpommern etwa regelt § 10 der Leistungsbewertungsverordnung, dass externe Hilfen und Quellen bei Hausaufgaben und Hausarbeiten vollständig anzugeben sind - ausdrücklich auch generative KI. Die nähere Ausgestaltung überlässt § 2 Absatz 1 Satz 4 der einzelnen Schule. Mit anderen Worten: Eine schulische Nutzungsordnung ist nicht nur erlaubt, sie ist vom Gesetzgeber vorgesehen. Andere Länder haben eigene Verordnungen mit eigenen Paragraphen - der Mechanismus ist meist vergleichbar, der konkrete Wortlaut nicht. Diesen Teil musst du für dein Bundesland nachschlagen.

Zweitens die bundesweite Linie der Kultusministerkonferenz. Ihre Handlungsempfehlung vom 10. Oktober 2024 empfiehlt, Prüfungsformate prozess- und reflexionsorientiert anzupassen - und hält fest, dass die abschließende Bewertung Aufgabe der Lehrkraft bleibt, nicht einer Software.

Das ist auch der Grund, warum dieses Konzept die Eigenständigkeit über die Aufgabengestaltung sichert und nicht über Detektoren. Nicht gekennzeichnete KI-Nutzung ist juristisch kein Plagiat im engeren Sinn, sondern eine Täuschung über die Autorenschaft. Und Täuschung verhindert man am besten, indem man Aufgaben stellt, bei denen Täuschung sich nicht lohnt.

Datenschutz in zwei Sätzen

In Prompts gehören keine personenbezogenen Daten - keine Namen, Noten oder persönlichen Angaben von Schülern oder Dritten. Für den Unterricht eignen sich datenschutzkonforme, möglichst landesgeprüfte Werkzeuge mit pseudonymisierten Einzelzugängen; in MV sind das etwa fobizz und schulKI.

Konkret: gut gefragt, schlecht gefragt

Der abstrakte Leitsatz wird erst an Beispielen greifbar. So sieht der Unterschied aus, wenn ein Schüler dieselbe Aufgabe gut oder schlecht an eine KI heranträgt - geeignet zur direkten Weitergabe an die Klasse.

FachGutVermeiden
Deutsch„Ich habe meine Erörterung geschrieben. Prüfe Aufbau und Übergänge und sag mir, wo es logisch hakt - aber formuliere nicht um."„Schreib mir eine Erörterung zum Handyverbot an Schulen, 600 Wörter."
Mathematik„Ich komme auf x = 4, die Lösung sagt x = -2. Wo ist mein Denkfehler? Rechne nicht vor."„Löse diese fünf Aufgaben und zeig mir den Rechenweg."
Physik„Erklär mir, warum man bei diesem Versuch dreimal misst - ich will es im Protokoll selbst begründen."„Schreib mir die Auswertung und das Fazit für mein Protokoll."
Referat„Ich habe diese vier Quellen gelesen und so gegliedert. Welche wichtige Perspektive fehlt mir noch?"„Mach mir acht Folien zum Klimawandel mit Text und Bildern."
Fremdsprachen„Frag mich diese Vokabelliste in zufälliger Reihenfolge ab und korrigiere mich."„Übersetz mir den ganzen Text für die Hausaufgabe."
Informatik„Mein Code gibt diesen Fehler aus. Was bedeutet die Meldung? Ich will den Fehler selbst finden."„Schreib mir die Funktion, die die Aufgabe löst."

Faustregel für Schüler: Frag die KI, wie etwas funktioniert oder wo dein Fehler liegt - nie, dass sie die Aufgabe für dich macht.

Konkret: robuste und brüchige Aufgaben

Dieselbe Logik aus Sicht der Lehrkraft. Eine Aufgabe ist robust, wenn ihre Lösung eigene Daten, persönlichen oder lokalen Bezug, eine Begründung oder eine mündliche Verteidigung verlangt. Fehlt all das, ist sie für die KI eine Fingerübung.

FachRobustBrüchig
Deutsch„Vergleiche die Hauptfigur mit einer Position aus unserer Unterrichtsdiskussion und belege mit drei im Heft markierten Textstellen."„Verfasse eine Charakterisierung der Hauptfigur."
Mathematik„Wähle zwei Aufgaben, erkläre deinen Lösungsweg schriftlich und benenne den häufigsten Fehler, der dabei passieren kann."„Löse die zehn Gleichungen auf dem Blatt."
Physik„Werte die Messwerte deiner Gruppe aus und erkläre, warum euer Ergebnis vom theoretischen Wert abweicht."„Beschreibe den Ablauf des Versuchs zur Hebelwirkung."
Geschichte„Beurteile anhand der im Unterricht gelesenen Quelle, welche Ursache der Autor für entscheidend hält - und ob du ihm folgst."„Fasse die Ursachen der Französischen Revolution zusammen."
Fremdsprachen„Bereite ein kurzes Gespräch vor, das wir in der nächsten Stunde spontan zu zweit führen und variieren."„Schreibe einen Aufsatz über deine letzten Ferien."
Informatik„Erkläre dein Programm im Code-Gespräch Zeile für Zeile und begründe, warum du diesen Lösungsweg gewählt hast."„Schreibe ein Programm, das eine Liste sortiert."

Faustregel für Lehrkräfte: Wenn eine KI die Aufgabe vollständig lösen kann, prüft die Aufgabe nicht mehr den Schüler.

So machst du es zu deinem Konzept

Der didaktische Kern dieses Vorschlags - die drei Stufen, die Aufgabenlogik, die beiden Beispieltabellen - ist überall gültig. Anpassen musst du im Wesentlichen zwei Stellen: den rechtlichen Rahmen an dein Bundesland und die empfohlenen Werkzeuge an das, was bei euch freigegeben ist.

Am Ende geht es nicht um ein perfektes Dokument, sondern um eine gemeinsame Linie, die Schüler verstehen und Lehrkräfte mittragen. Der hier skizzierte Vorschlag ist ein Diskussionsentwurf - genau so sollte er auch an deine Schule kommen: als Vorlage, über die ihr streitet, nicht als Erlass, den ihr abnickt.

Quellen

Erstellt von Johannes Hohls.