Wir müssen ambitionierter denken
Liebe Kolleginnen und Kollegen: Wir müssen ambitionierter denken. Deutlich ambitionierter.
Ich arbeite seit gut einem Jahr fast jeden Tag mit KI, und fast jede Woche klappt etwas, das ich vorher für unmöglich gehalten hätte. Eine Klausurkorrektur, die Handschrift liest. Ein Arbeitsblatt in 27 Fassungen, für jedes Kind eine eigene. Draußen in der Welt rechnen diese Modelle inzwischen Teilchenphysik, an der Fachleute jahrelang gesessen haben.
Und dann sitzen wir davor und lassen uns einen Elternbrief schreiben. Oder ein Arbeitsblatt, das genauso aussieht wie das vom letzten Jahr. Das darf man. Aber es ist, als hätte man Flügel und benutzt sie zum Fegen.
Felix Rieseberg leitet bei Anthropic die Entwicklung von Claude.ai und Claude Code Desktop. Am 13. Oktober hat er genau darüber einen Text geschrieben: How to be more ambitious. Er sieht fast täglich, wie Claude Dinge schafft, die er nicht für möglich gehalten hätte, bis hin zur Mithilfe bei der Entdeckung eines Planeten. Und er sieht, dass manche Menschen damit fliegen, während andere einfache Fragen stellen oder Mails umformulieren lassen. Sein Text richtet sich an Leute, die Software bauen oder Quartalsberichte vorbereiten. Ich habe ihn als Lehrer gelesen, und fast alles darin passt auf uns. Die Ideen und Beispiele, die ich hier wiedergebe, stammen von Rieseberg, die Übertragung auf die Schule von mir.
Warum uns das so schwerfällt
Rieseberg beginnt eigentlich am Ende, bei der Frage, warum wir so klein denken. Menschen waren immer begrenzt durch ihre Vorstellung davon, was geht. Michelangelo soll sich gegen die Sixtinische Kapelle gewehrt haben, weil er Bildhauer war und kein Maler.
Den Begriff dafür kennen wir aus jeder Fortbildung: Selbstwirksamkeit. Rieseberg verweist auf Locke und Latham, die 35 Jahre Forschung zu Zielen ausgewertet haben. Wer ein konkretes, schweres Ziel hat, leistet mehr als jemand, dem man sagt, er solle sein Bestes geben. Dazu erzählt er zwei Geschichten, die ich sofort im Unterricht verwenden würde. George Dantzig kam 1939 zu spät in eine Statistikvorlesung, schrieb zwei Aufgaben von der Tafel ab und gab sie ein paar Tage später gelöst ab. Es waren zwei ungelöste Probleme der Statistik, er hatte sie für Hausaufgaben gehalten. Und die Meile unter vier Minuten galt jahrzehntelang als unmöglich, bis Roger Bannister sie 1954 lief. 46 Tage später war er nicht mehr der Einzige.
Wir fordern das jeden Tag von unseren Schülern. Trau dir was zu, setz dir ein Ziel, Fehler sind erlaubt. Vor dem Chatfenster vergessen wir es dann selbst. Wir bestellen das Arbeitsblatt, weil wir Arbeitsblätter kennen, und das Quiz, weil es Quizze schon immer gab.
Damit der Rat "sei ambitionierter" mehr wird als ein Appell, zerlegt Rieseberg ihn in vier Arten von Ambition.
1. Schneller
Dieselbe Arbeit in kürzerer Zeit. Das Arbeitsblatt, das früher einen Abend gekostet hat, steht in einer Viertelstunde. Das kennen die meisten, die KI schon nutzen, und Rieseberg hält sich damit kaum auf, weil es wenig Fantasie braucht. Schneller ist gut. Größer gedacht ist es nicht.
2. Höher
Rieseberg nennt das Altitude, Flughöhe. Die Frage lautet: Was soll passieren, wenn die Aufgabe erledigt ist, und was ist das Ziel hinter dem Ziel? Er selbst hat Claude anfangs einzelne Abstürze seiner Apps beheben lassen. Später lautete der Auftrag, die Apps absturzfrei zu halten. Das ging erst, nachdem er seinen Arbeitsablauf umgebaut hatte: Das Modell bekam Zugriff auf die Absturzberichte und eigene Testrechner, um Fehler selbst nachzustellen.
Sein zweites Beispiel ist ein Quartalsbericht in drei Stufen, und die lassen sich fast eins zu eins auf eine Klassenarbeit legen. Auf der ersten Stufe erstellt die KI nicht nur den Notenspiegel, sie erklärt, welche Aufgabe die Klasse warum verhauen hat. Auf der zweiten nennt sie die zwei, drei Themen, die vor der nächsten Einheit unbedingt noch einmal drankommen müssen, und schlägt vor, wie. Auf der dritten stellt sie die Arbeit selbst infrage: Misst sie überhaupt, was ich wissen will? Rieseberg würde an dieser Stelle ein besseres Verfahren entwerfen lassen und es ein Quartal lang neben dem alten laufen lassen. Für uns hieße das, eine neue Form der Leistungsüberprüfung parallel zur alten auszuprobieren.
Mir ist die zweite Stufe bei der Korrektur passiert. Am Anfang wollte ich nur schneller korrigieren. Irgendwann war die Frage, was nach der Korrektur mit den Fehlern passiert, und daraus ist das 27-fach differenzierte Arbeitsblatt geworden. Und Rieseberg hat recht mit dem Umbau: Das ging erst, als die möglichen Fehler vorher festgelegt waren.
3. Tiefer
Tiefe heißt bei Rieseberg: die Aufgabe so angehen, wie es die Besten des Fachs tun, mit deren Werkzeugen und deren Rohmaterial. Modelle übernehmen gern nur die Fachsprache der Profis. Also muss man auf deren Methoden bestehen, auf Statistik statt hübscher Tabellen. Man muss diese Werkzeuge nicht selbst beherrschen, das Modell kennt sie.
Im Lehrerzimmer heißt der Profi Fachdidaktikerin. Sie würde nicht aus dem Bauch entscheiden, woran die Klasse scheitert. Sie würde die letzte Arbeit nehmen und die Fehler auszählen. Eine Physiklehrerin, die tief geht, lässt die Klasse mit dem Handy und phyphox selbst messen, statt Werte aus dem Buch abzuschreiben.
Zur Tiefe gehört nach Rieseberg auch, Ziele zu setzen, die unrealistisch klingen. Wer eine Webseite in fünf statt zehn Sekunden laden will, kann gleich 200 Millisekunden verlangen, und wenn das Modell abwinkt, darauf bestehen, dass es lösbar ist. Außerdem soll man Gewissheiten an den Rohdaten prüfen lassen. "Die Klasse kann einfach keine Brüche" ist so eine Gewissheit. Vielleicht stimmt sie, vielleicht scheitert es am Kürzen und sonst an nichts.
Und das Modell darf sich nie selbst benoten. Rieseberg will einen Prüfer von außen. Den haben wir längst, er heißt Nachtest. Ob die Förderung gewirkt hat, zeigt die nächste Arbeit, und dass die KI ihr eigenes Material für gelungen hält, zeigt gar nichts.
Für all das hat Rieseberg einen Prompt, den man vor jeden Auftrag setzen kann. Sinngemäß: Bevor du loslegst, kläre, was ein Spitzenprofi hier zusätzlich tun würde, mit welchem Rohmaterial er anfinge, welche Methoden und Werkzeuge er nähme und woran sich unabhängig prüfen ließe, ob das Ergebnis stimmt. Dann schreib meinen Auftrag entsprechend neu. Probiert das mal vor "Mach mir eine Übung zu Bruchgleichungen".
Eine Grenze gibt es in der Schule. Rohmaterial sind bei uns oft Namen und Noten, und die gehen keine KI etwas an. Wie das trotzdem geht, steht im Beitrag über die digitale Klausurkorrektur.
4. Breiter
Die vierte Art nennt Rieseberg Range: die Arbeit mit den Augen anderer Fächer ansehen. Neu sei das nicht, jeder Heist-Film verbringe die erste halbe Stunde damit, ein buntes Team zusammenzustellen. Hier sieht er das größte Potenzial, und gleichzeitig ist es am schwersten. Er hat früher selbst Videospiele entwickelt und trotzdem nie daran gedacht, Claude die 3D-Welt seiner Homepage in Blender bauen zu lassen. Darauf kam er erst, als ein Kollege Blender für seine Inneneinrichtung benutzte.
Sein Werkzeug dafür: Nomen durch Verben ersetzen. Ein Merkhefteintrag ist dann kein "Merkhefteintrag" mehr. Er soll einen Zwölfjährigen in fünf Minuten Lesezeit dazu bringen, ein Diagramm richtig zu deuten, und zwar auch nach den Ferien noch. Sobald das so dasteht, sieht man, wer mitreden sollte. Eine Informationsdesignerin. Jemand, der Comics zeichnet. Und, das ist Riesebergs Idee des Red Teams, jemand, der gezielt nach Schwächen sucht, in unserem Fall ein Kind, das den Eintrag partout falsch verstehen will.
Rieseberg warnt dabei vor dem Rollenspiel. Die KI soll nicht klingen wie eine Informationsdesignerin. Sie soll tun, was eine Informationsdesignerin tut, also so lange streichen, bis nur noch übrig ist, was das Auge in der richtigen Reihenfolge braucht.
Ein Beispiel
"Entwirf mir ein Spiel, mit dem meine Schüler Kopfrechnen üben." Den Satz kann jeder tippen, und jede KI liefert darauf etwas Brauchbares. Meistens ein Quiz mit Punktestand und einem Timer. Das ist in Ordnung. Es ist halt genau das, was man auch ohne KI bekommen hätte.
Jetzt derselbe Wunsch, nur anders gestellt:
Entwirf mir ein Spiel, bei dem die Schüler in einer eigenen Welt herumlaufen und sich gegenseitig mit Taschenrechnern angreifen können. Beide bekommen dann dieselbe Aufgabe. Wer sie zuerst löst, bekommt Punkte, wer länger braucht, verliert Leben.
Aus diesem Satz ist mathlock geworden. Man läuft in Ego-Perspektive durch eine Klötzchenwelt, die an Minecraft erinnert, nimmt einen Mitschüler mit dem Taschenrechner ins Visier, und dann rechnen beide um die Wette. Mein Arbeitstitel im Kopf war "Call of Duty ohne Schießen".
Darauf kommt keine KI, wenn man sie nach einem Kopfrechenspiel fragt. Sie liefert, was man bestellt. Die verrückte Idee muss von uns kommen, denn wir wissen, dass die 7. Klasse bei jedem Wettkampf aufdreht und welches Spiel sie in der Pause auf dem Handy hat. Und wenn gerade nichts einfällt, lasst euch zehn Ideen geben, die ihr euch selbst nicht zugetraut hättet, und sucht eine aus. Aussuchen kann nur, wer die Klasse kennt.
David Bowie hat 1997 in einem Interview für die BBC einen Rat gegeben, der hier gut passt. Sinngemäß: Geh immer ein Stück weiter ins Wasser, als du dich sicher fühlst. Wenn die Füße den Boden nicht mehr ganz berühren, bist du genau an der richtigen Stelle, um etwas Aufregendes zu machen. Ich stelle mir das so vor: Man geht so weit hinein, dass man gerade noch steht, dann kommt eine Welle und hebt einen hoch. Für einen Moment schwebt man, und irgendwann landet man wieder. Dieses Gefühl ist für mich Kreativität.
Nehmt den nächsten Auftrag, den ihr diese Woche in ein Chatfenster tippen wolltet. Schreibt ihn so, dass er euch ein bisschen peinlich ist.
Quellen
- Rieseberg, F. (13.10.2026): How to be more ambitious: A tutorial for humans with models. Blogbeitrag. Die vier Arten von Ambition, seine Beispiele und die Geschichten zu Michelangelo, Dantzig und Bannister stammen von dort.
- Anthropic (2026): Claude computes a nine-loop amplitude in N=4 super-Yang-Mills.
- Bowie, D. (1997): Interview für die BBC-Dokumentation "Inspirations", zitiert nach The List. Wortlaut nur über Sekundärquellen belegt.
- mathlock.de - Mathe-Duell im Browser für den Unterricht.
Geschrieben von Johannes Hohls.